Einleitung

„Nicht Eigenbrödelei und künstlich erzeugte Abgeschlossenheit sollten unsere Losung sein, sondern organisches und föderalistisches Zusammenwirken mit allen Gruppen, die jede in ihrer Weise demselben Ziel der menschlichen Befreiung zustreben. Verschiedenartigkeit ist keine wüste Zersplitterung der Kräfte; sie schafft erst die Erfahrung, ohne die kein gesellschaftlicher Fortschritt möglich ist. In derselben Zeit erzeugt sie durch praktische Betätigung gegenseitige Duldsamkeit und stärkt das Gefühl der Gleichberechtigung und der solidarischen Verbundenheit, welche allein die gesellschaftliche Entwicklung beflügeln können auf dem Weg für ein freies Menschentum.“ 
Max Nettlau

Einleitung

Immer wieder kommen bei Diskussionen um den Zustand und die Entwicklung der anarcho-syndikalistischen Bewegung Fragen nach der Situation und Rolle der anarcho-syndikalistischen Internationalen Arbeiter-Assoziation (IAA) auf. Die 1922 in Berlin gegründete IAA (Die Abkürzung in den lateinisch- bzw. englischsprachigen Ländern lautet AIT bzw. IWA) ist der internationale Zusammenschluss der libertären Arbeiterbewegungen mit anarcho-syndikalistischen Prinzipien. Den Höhepunkt – sowohl in Bezug auf ihre Mitgliederzahlen als auch in Bezug auf ihren Einfluss – hatte sie in den 1920er Jahren mit ca. 2,5 Millionen Mitgliedern. Die spanische CNT (Confederacion Nacional del Trabajo) ist die wohl bekannteste Mitgliedsorganisation der IAA und im historischen Rückblick auch diejenige, die der Einlösung des in den Prinzipien formulierten Ziels der „Reorganisation des sozialen Lebens auf Grundlage des libertären Kommunismus durch die revolutionäre Aktion der Arbeiterklasse“ mit der sozialen Revolution des Jahres 1936 am nächsten gekommen ist.[1]

In all den Jahren ihrer Existenz war die IAA immer wieder mit Angriffen von Außen, nämlich des Staates, sowie faschistischer und staatskommunistischer Bewegungen konfrontiert. Zahlreiche Mitgliedssektionen der IAA wurden unter diesen Diktaturen verboten, in die Illegalität gedrängt und ihre Mitglieder ermordet. Nach dem Zweiten Weltkrieg fanden sich bis auf die Ausnahme von Schweden nur sehr wenige Überlebende für eine Reorganisation der IAA-Sektionen zusammen. Eine Massenbasis erlangte sie erst wieder nach dem Tod des spanischen katholisch-falangistischen Diktators Franco, als die CNT aus dem Untergrund heraus wieder in die Öffentlichkeit treten konnte. 

Bis heute hat die IAA nicht wieder zu ihrer einstigen Größe aufschließen können und besteht neben wenigen Landessektionen mit hunderten von Mitgliedern, mehrheitlich aus zahlreichen numerischen Kleinst-Sektionen.[2] Länderübergreifende Aktionen gibt es nur sehr selten, und in den internen und öffentlichen Erklärungen überwiegen ideologische Stellungnahmen, in denen es um die angebliche „Verteidigung des Anarcho-Syndikalismus“ oder den Kampf gegen „Gegen-Internationalen“ geht.

Diese hart geführten ideologischen Auseinandersetzungen haben in der Mitte der 1990er Jahren zu einigen Spaltungen innerhalb von IAA-Sektionen geführt und dabei zu einem Klima beigetragen, in welchem eigens kreierte Begriffe, wie die von den „Feinden der IAA“ gegenüber tatsächlichen anarcho-syndikalistischen oder zumindest nahe stehenden GenossInnen zum oft gebrauchten Wortschatz gehören. 

Aufgrund dieser Entwicklung kommt es bei Interessierten und neu in die anarcho-syndikalistische Bewegung eintretenden Genossinnen und Genossen immer wieder zu Nachfragen wie:  „Warum gibt es zwei CNT´s in Frankreich und zwei USI´s in Italien“, oder „Warum wird die SAC in Schweden so verteufelt?“ Auch langjährig aktive Genossinnen und Genossen können bei all den Entwicklungen der IAA in den letzten Jahrzehnten leicht den Überblick verlieren. 

Und so ist es der Anspruch und Schwerpunkt dieses Textes, die Geschichte und Entscheidungen der IAA in den letzten beiden Jahrzehnten, besonders seit dem IAA-Kongress von 1996 in Madrid, an dem auch der Verfasser die Gelegenheit hatte als Beobachter teilzunehmen, darzustellen und die Abläufe und Hintergründe zu vermitteln. Dabei handelt es sich hier um eine gestraffte Darstellung, welche die wesentlichen Entscheidungen und Handlungen der IAA in diesem Zeitradius zusammenfasst.

Danke: Mihai Codreanu danke ich für seine letztlich ausschlaggebende Nachfrage, die dazu führte, diese Broschüre zusammenzustellen. Helge Döhring für die Zurverfügungstellung von Archivmaterialen sowie die Durchsicht des Textes, Magnus Jerlström und Dirk von Studier SAC für Auskünfte zur schwedischen SAC, Gaëtan le Porho für Informationen zur französischen CNT und Tom Wetzel für Informationen über die Situation in den USA. 

Martin Veith, Oktober 2010

[1] Zitiert nach der Prinzipienerklärung der IAA, dem Text „Die Prinzipien des revolutionären Syndikalismus (Internationale Arbeiter Assoziation)“. 

[2] Natürlich sagt eine rein numerische Betrachtung nichts über die Qualität der „richtigen“ Auffassungen in einer anarcho-syndikalistischen Organisation aus. Einer zahlenmäßigen Schwäche müssen keine Fehleinschätzungen oder falsche Prinzipien zugrunde liegen. Sie können es aber.

Einleitung und Inhaltsverzeichnis hier als PDF

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